Begegnungen
Knappe Begegnung, analog
Ein aus der Ferne rumpelndes Geräusch nähert sich. Der Fußboden erzittert nur leicht, keine Wände wackeln, keine Gläser klirren im Schrank. Harmlos alles. Lediglich der Kanarienvogel hüpft im Käfig ein wenig nervöser als sonst umher, die Katze flitzt pfeilschnell die Treppe runter in den Keller. Ach, sie müssten es doch längst wissen: donnerstags kommt die Müllabfuhr! Mit immer größeren High-Tech-Großraumabräumfahrzeugen und mit entsprechend imposanten Motorgeräuschen, Mülltonnendeckelgeklapper, lauten Zurufen. Anfahren, anhalten, Motor drosseln, surr, schepper, klapper, rumms, vier Meter weiterfahren, dann erneut anhalten, Motor drosseln, surr, schepper, klapper, rumms und so fort.
Heute stehe ich in der Küche und schaue durchs Fenster auf die Straße. Das Müllauto nähert sich, alles geschieht und klingt wie gewohnt. Ich beobachte, wie die geleerte Tonne zurück auf den Gehweg befördert wird und laufe kurz raus, um sie zurückzustellen. Oha! Etwas ist anders! Die Tonne steht da, allein: Ihr fehlt der Deckel. Das Müllauto ist gerade in die kurze Stichstraße eingebogen, von da muss es auch wieder zurückkommen. Mit Hausschuhen an den Füßen renne ich zur Straßenecke. Ja, da kommt es auch schon. Ich winke heftig mit den Armen. Rufen hat bei dem Lärm eh keinen Zweck. Das Auto fährt an mir vorbei! Ich wedele und winke etwas empörter. Der Fahrer sieht mein Bemühen im Rückspiegel, hält an, lässt die Scheibe runter. „Sie haben eben meine Tonne entleert, aber der Deckel ist fort!“, rufe ich erklärend in seinen fragenden Blick. Lakonisch entgegnet er „Kommt vor“ und will die Scheibe wieder hochfahren. „Ja, und jetzt?!“ rufe ich aufgeregt und heftig. Hoffentlich lässt mich der Mann von der Müllabfuhr hier nicht auskunftslos verzweifeln! „Anrufen Ebalu“, kommt die knappe Antwort. Und schon geht es weiter surr, schepper, klapper…man kennt es.
In meinen Ohren klingt das merkwürdige Zauberwort nach: Ebalu. Kenne ich nicht. Kann das etwa das Gegenteil von Sesam-öffne-dich bedeuten, denn die Tonne soll ja wieder verschließbar werden? Oder habe ich mich verhört, und der Müllarbeiter meinte Mutabor, auch so ein märchenhaftes Zauberwort. Ich müsste es nur aussprechen, und die Tonne würde sich augenblicklich in ihren Urzustand verwandeln? Nein. Moment. Da war ja noch der dürftige Hinweis „anrufen“. Habe ich eine Telefonnummer? Ich frage bei Google nach und werde fündig: Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Ludwigshafen, E B A L U. Rasch wähle ich die Nummer und verbringe 23 Minuten lang hoffend in der Warteschleife. Easy-listening-Musik und beruhigende Ansage wechseln sich in nervtötender Weise ab. Schließlich öffne ich das Tablet, wende ich mich ans stets verlässliche Internet und tippe meine Vermisstenanzeige „Tonnendeckel“ in ein entsprechendes Formular. Klick und abwarten.
Wozu braucht es noch reale Begegnungen, wenn es für jede Situation virtuelle Alternativen gibt?
Brunhild Bast
Es gibt Menschen, die kreuzen deinen Weg
Es gibt Menschen, die begleiten dich ein Stück
Es gibt Menschen, die bringen dich zu Fall
Es gibt Menschen, die richten dich auf
Es gibt Menschen, die dich in die Irre führen
Es gibt Menschen, die dir den Weg weisen
Es gibt Menschen, die immer an deiner Seite bleiben
und dich ans Ziel bringen
Menschen …
Hilde Fuchs
Ein Versehen
Ankunft Hauptbahnhof,
Schlafgeruch hängt überall,
die Nacht endet nicht.
Links geh’n, rechts steh’n.
Menschen, die hoffen, und ich
– alles drängt voran.
Die Heimatlosen
halten die Köpfe gesenkt,
als suchten sie sich.
Ein schlafendes Kind,
sein Bett der große Koffer,
alles Hab und Gut.
Der Blick der Mutter
hält den meinen – aus Verseh’n.
Gruß oder Bitte?
Gedräng von hinten
schiebt mich weiter zum Ausgang,
der Vorplatz sonnig.
Ich atme tief ein,
werde erwartet, wie schön!
Wie war die Reise?
Gut, will ich sagen,
aber ihr Blick, der Koffer,
das Kind, was träumt es?
Die Stadt glänzt und strahlt,
weiß nicht, dass Väter fehlen,
dass sie frier’n oder …
Die Cafés sind voll.
Als gäbe es nicht das Kind,
plaudern wir vergnügt.
Ab und zu Wolken.
Wir sollten helfen, oder?
Du zuckst die Schultern.
Warum zögern wir?
Geben wir ihnen ein Bett,
eine Nacht Stille.
Doch auch am Abend
finden wir sie nicht, nirgends.
Du nimmst meine Hand,
ich schaue dich an,
sehe mich in deinem Blick.
Der Tag war sehr lang.
Anne Eicken
Saiten-Sonne
Ich begegne dir immer zur Weihnachtszeit.
Du sitzt unter dem dunklen Torbogen
und spielst meisterhaft auf deiner Geige.
Deine Augen sind geschlossen, du lächelst leise.
Denkst du an ein wärmeres Land?
Wohin gehst du, wenn der Frühling kommt?
Spielst du Manele mit deinen Brüdern und Schwestern
in Saintes Maries de la Mer?
In Gedanken folge ich dir in die Sonne.
Du trägst sie in dir, bringst sie mit
und schenkst sie her im Winter
unter dem dunklen Torbogen
durch die Saiten deiner Geige
Antje Bockel
Mein Onkel
Wenige Weihnachtstreffen bei meiner Oma, ein paar Besuche bei ihm sehr viel später – insgesamt bin ich meinem Onkel wohl zehnmal begegnet. In 54 Jahren.
Meine Eltern behandelten ihn als Aussätzigen. Meiner Mutter war er verhasst als lebensuntüchtiger Leichtfuß, der statt ihrer hatte Abitur machen und studieren dürfen und, von lästigen Kindern wie mir verschont, unerhörte Fernreisen unternahm, mit deren Dias er unseren Weihnachtskaffee verdarb. Mit diesem Bild meines Onkels wuchs ich auf.
Bis ich zwölf war. 1972 drückte mir jemand auf dem Schulweg etwas in die Hand, das man heute „Flyer“ nennt und wollte, dass man den langhaarigen Typen auf dem Foto in den Stadtrat wählt – meinen Onkel! Was war das? Dieser Vollversager, laut mütterlichem Urteil auf unsere Kosten Jurist geworden, aber unfähig, Glühbirnen zu wechseln – ein Politiker? Zweifel keimten, von neutraler Seite kamen Details: Dass er Juso-Vorsitzender war, gegen die griechische Militärjunta demonstriert hatte (vor meiner Schule!) und ganz schön links stand – plötzlich war klar, wieso er an Weihnachten mein neues Monopoly „Kapitalistenspiel“ genannt und Porschefahrer beschimpft hatte, ihr Schalthebel sei ihr „Phallus-Ersatz“ („Phallus“ guckte ich im Lexikon nach).
Mein Onkel fing an mich zu interessieren – aber mehr wurde nicht daraus, der Familienbann war zu stark. Ich traf ihn, bis er wegzog – er war Richter geworden – nur noch zweimal: Als er mir in seiner völlig verrauchten, mit Büchern und Schallplatten zugestellten Wohnung seinen ausrangierten Kopfhörer schenkte, und kurz vor seinem Auszug, als ich seine riesige SPIEGEL-Sammlung, die er mir vermacht hatte, aus dem Keller schleppen durfte, dessen Geruch sie zum Entzücken meiner Mutter noch lange in meinem Zimmer ausgaste. Er schickte mir noch zwei Bücher zur deutschen Geschichte, die ich verschlang, dann, einfach so, vielleicht, weil das familiäre Kontaktverbot durchschlug, trat eine Auszeit ein für Jahrzehnte, mit drei Unterbrechungen: Mein Hilferuf als Jurastudent, in höchster Not wegen einer Hausarbeit (die ich daraufhin bestand); seine Teilnahme an der Beerdigung meines Vaters; und zuletzt ein Kurzbesuch meiner Frau und mir bei ihm, nachdem er nach Beseitigung eines im Flur umgekippten Bücherstapels die Wohnungstür hatte öffnen können.
2014 rief seine Putzhilfe an, es ginge ihm nicht gut. Das eingefallene Männlein im Kranken-, bald Sterbebett, zu dem wir geeilt waren, hatte kaum noch etwas von meinem Onkel. Aber als wir mit ihm über die nötige Wohnungsräumung sprachen, wünschte er uns „viel Spaß“. Humor hatte er bis ins Grab: Die Büchermassen, die aus seiner Wohnung quollen, ließen den Düsseldorfer Antiquariatsmarkt kollabieren.
Was von ihm bleibt – außer den Büchern, die ich behalten habe? Mein Politik- und Geschichtsinteresse, meine Bücherliebe, sogar meine Berufswahl gehen irgendwie auf ihn zurück – mein Onkel hat mein Leben geprägt.
Mit 10 Begegnungen. In 54 Jahren.
Armin Kistemann
Begegnungen
Begegnungen – der Begriff hätte ein warmes Licht in mir anzünden können. Er tat es nicht. Stattdessen entdeckte ich in ihm das Kernwort „gegen“. Das klingt erst mal nicht nach freundschaftlicher Umarmung, und die Wortverwandten machen das flaue Gefühl auch nicht besser: Gegner, Gegenspieler, Gegenteil, Gegenangriff – und weitere Beispiele.
Und die „Begegnung“ geht fragwürdige Verbindungen ein, beispielsweise zu Ausdrücken wie „Begegnungsverkehr“. Den gibt es zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Da wird nicht kopuliert und nicht gefreundelt, im Gegenteil, da versucht man möglichst ohne Kontakt heil aneinander vorbei zu kommen. Und wenn es geklappt hat, sind alle froh.
Oder nehmen wir die „Altenbegegnungsstätte“, welch ein Wort, welch ein Ort. Eine Stätte, das klingt nach einer bürokratischen, formalen Anstalt, wo etwas vollzogen oder vollstreckt wird, jedenfalls nicht nach einem Oer, an dem Schönes passiert. Wie wär’s anstelle mit „Rentnertreff“? „Altenbegegnungsstätte“ taugt nur als Kandidat für das Unwort des Jahres.
Am häufigsten finde ich das Wort Begegnungen“ in den Sportnachrichten. Da wird fortwährende von Begegnungen berichtet, deren Ziel es keineswegs ist, Harmonie zu verbreiten. In diesen Begegnungen treffen Gegner aufeinander, die sich besiegen wollen, und meistens tun sie das auch. Manchmal werden Begegnungen auch abgebrochen, weil etwas ganz Unharmonisches passiert ist.
Wie ich’s auch drehe und wende, die „Begegnungen“ wollen mir noch nicht so recht ans Herz wachsen. Zum Verdammen reicht es aber auch nicht, und so parke ich den Begriff erst mal in der neutralen Ecke, wo sich auch „Gegenstand“ und „Gegenwart“ befinden.
Mir kommt dann noch ein Gedanke: Könnte es sein, dass ich bei einer Begegnung gar nicht auf mein Gegenteil treffe, nicht auf mein Un-Ich, nicht einmal auf mein Nicht-Ich, sondern auf ein Gegenstück, das hat, was ich nicht habe, das vielleicht in irgend einer Weise zu meinem unvollkommenen Ich passt? Das mich ergänzt, herausfordert, bewegt und belebt? Wenn dem so ist, dann sollte ich es ergründen, und dann könnte vielleicht nicht nur ich mit einem dicken Plus aus der Begegnung herauskommen. Die Chance ist da.
Klaus Lebershausen
Das Missverständnis
In jungen Jahren, als ich noch täglich mit dem Bus fuhr, trafen sich oftmals zufällig, über einen längeren Zeitraum, dieselben Leute an der Haltestelle. Man lernte sich mehr oder weniger vom Sehen her kennen und auch Gespräche blieben nicht aus. So unterhielt ich mich des öfteren mit einem älteren Araber, der ebenfalls gelegentlich den Bus nahm. Eines Tages fragte er, ob er mich zum Couscous einladen darf. Leicht entsetzt und irritiert lehnte ich ab. Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein. Ich gehe doch nicht zum Küssen zu ihm, dachte ich.
Zu dieser Zeit war mir gänzlich unbekannt, dass es sich beim Couscous um eine orientalische Speise handelt.
Angela Machenheimer
zwei begegnungen am strand
1
dein herz
spuren im sand
irgendwann kreuzt es
die stapfen meines lebens
vorsichtig trete ich
in seine umrisse
verfolge und gehe mit ihm
seinen flüchtigen weg
bis wind und wellen
es undeutlich machen
und es endgültig
in meiner seele
verlöschen
2
dein herz
ein treibholz
angeschwemmt
an den strand
meiner seele
irgendwann verschlingt es
die nächste große woge
und spült es
an ein anderes gestade
weg vom ufer
meines lebens
michael matheis
Die Dame mit Hut
Heute trägt man keine Hüte, sie trug einen. Und nicht nur einen, jeden Tag einen anderen: sie trug alle Variationen, die mit einem Hut möglich sind. Ihre Hüte zogen jede Aufmerksamkeit auf sich, aber noch mehr ihr Lächeln. Es ging etwas Besonderes von diesem Lächeln aus. Nicht nur ihr Mund strahlte, sie selbst strahlte und jeder, der ihr begegnete, war überwältigt von der Leichtigkeit, die von ihr ausging. Sie war der Mittelpunkt der Gäste, die sich jeden Mittwoch im Café traf. Die Runde war zusammengewürfelt aus Männern und Frauen verschiedenen Alters, aber man nahm nur sie, die Dame mit Hut, wahr. Wir nannten sie so. Ihren Namen kannte niemand. Dass sie eine Dame war, stand außer Frage. Man munkelte, dass ihre Vorfahren dem russischen Hochadel angehörten. Ihre Frisur war stets korrekt, die Kleidung sehr gepflegt, ohne zu irgendeiner Moderichtung zu tendieren. Und sie trug nur Kleider, niemals Hosen. Wenn sie sich setzte, dann warf sie ihren Mantel lässig über die Stuhllehne, bis er beinahe auf den Boden glitt. Alle verstummten, das ganze Lokal schien zu warten, dass sie das Wort ergriff, was sie sofort tat, während sie ihre silberne Zigarettenspitze aus der etwas abgewetzten Tasche zog.
Mittwoch für Mittwoch vollzog sich im Cafe Leo das gleiche Ritual.
Dann, an einem Mittwoch, warteten wir vergeblich. Sie kam nicht. Nach drei Wochen
war sie wieder da: redete, schwatzte, lachte, als sei nichts gewesen.
So hätte es weiter gehen können, wenn ich nicht eines morgens zum Neuer-Platz am anderen Ende der Stadt hätte fahren müssen. Ich entschied mich für die Straßenbahn. An der Endhaltestelle stieg ich aus. Vom Strom der Fahrgäste getragen, näherte ich mich dem Fußgängerüberweg. Da, für den Bruchteil einer Sekunde, glaubte ich eine bekannte Gestalt zu erkennen. War sie das? Mit dem Rücken zu mir saß eine Frau auf dem Mäuerchen der Wendeschleife. Das konnte sie nicht sein, das war unmöglich, diese Frau mit dem struppigen blondierten Haar, in einer einfachen weißen Bluse. Die Frau, die neben sich auf einem Tuch Kämme, Gürtel, Seifen und Hüte ausgebreitet hatte, das konnte nicht unsere Dame aus dem Cafe sein. Sie bewegte ihren Kopf in meine Richtung. Es gab keinen Zweifel. Sie war es, ich konnte sogar den abgeblätterten Nagellack auf ihren Fingern sehen. Was tun? Ich verlangsamte meine Schritte. Ich wollte ihr nicht begegnen. Aber wohin, es gab keine Ausweichmöglichkeit. Mir blieb nichts übrig als mich in die Mitte des Menschenstroms zu mischen, den Kopf einzuziehen und zu hoffen, dass sie mich nicht erkannt hatte.
Am nächsten Mittwoch blieb ihr Platz im Cafe leer. Am übernächsten auch. Sie kam
nicht mehr.
Marija Schmidt
wie
wie sich begegnen
in dieser zeit der kriege
und der angst
vor der zukunft
wie sich begegnen
wenn alles
zu wanken scheint
und kein ende in sicht
wie sich begegnen
mit dieser sorge
und verunsicherung
in den herzen
wie sich begegnen
wenn die worte fehlen
und die sprachen
unverständlich sind
wie sich begegnen
in dieser zeit
der katastrophen
und der hoffnungslosigkeit
wie sich begegnen
wenn nicht
mit offenen armen?
Bettine Wagner-Friedewald