Frei Räume

Wie tief die Einschränkungen durch die Pandemie in unser bisheriges Leben, unsere Werte und Gewohnheiten eingreifen,  veranschaulicht der Text für 2020, weswegen er hier noch einmal zitiert werden soll:

Freiräume sind Entfaltungs- und Gestaltungsräume, geschützte Räume, in denen Menschen leben, sich frei entfalten, frei denken, frei sprechen, frei ihre Meinung äußern und anderen freien Menschen begegnen können. Im Laufe unseres Lebens, erschaffen und nutzen wir unterschiedliche Freiräume: persönliche, wo wir uns ohne Einschränkung von außen ausdrücken, unsere Ideen, Phantasien, Spiele, auch unsere Lust entfalten können und gesellschaftliche Freiräume, in denen wir in Beziehung zu anderen Menschen treten und das Leben gemeinsam gestalten. Wenn Freiräume verletzt oder beschnitten werden, wenn die Freiheit Anderer durch sie eingeschränkt wird, wenn Grenzen gezogen, Mauern dicker, Regeln ungerecht werden, entstehen geschlossene Räume, wird getrennt und ausgesondert; Freiräume werden zu Gefängnissen ohne Türen und Fenster. In Akten der Befreiung, in persönlichen oder politischen Revolten geht es dann darum, Begrenzungen einzureißen und neue Freiräume zu schaffen.“

Der Text wäre heute in dieser Form nicht mehr passend. Warum? Diese Frage werden wir im Rahmen der Lese auf verschiedene Weise thematisieren.

Die Malerin Karin Kneffel hat in einem Interview auf die Frage, ob sie eine politische Künstlerin sei, erwidert: „Ich bin ein politischer Mensch – in dem Sinn, dass ich möchte, dass man hinschaut, seinen Geist öffnet, andere Perspektiven einnimmt und sich die Frage stellt: Könnte es nicht alles ganz anders sein?“

Momentan sind wir aufgefordert, genau dies zu tun und unsere persönlichen Antworten zu finden; als Bürger*innen eines demokratischen Landes können wir mitentscheiden, wie es nach Corona weitergeht. Dafür braucht es neben dem Aushalten der Unsicherheit eine große Portion Mut zur Gestaltung. „Wo andere Formen des Zusammenlebens sichtbar werden, bilden sie eine Gegenwirklichkeit. Einen Nicht-Ort im Vergleich zu dem, an dem wir leben. Andere Welten scheinen auf, nicht unähnlich dem Konjunktiv. Die Literatur bringt in der Sprache solche Gegenwelten, die einen nicht realen Ort haben, hervor, insofern ist sie utopisch,“ schreibt Uwe Timm in seinem neuen Essayband.

In der Literatur ist utopisches Denken bestens aufgehoben, sie bietet Freiräume. Im realen Leben sind geschützte Räume im März 2020 vorwiegend aufs Private geschrumpft, persönliche Begegnungen zum Risikofaktor geworden, Kommunikation findet seither weitgehend berührungsfrei und digital statt.  Dabei trotzdem demokratische Teilhabe und Selbstbestimmung zu leben, ist uns allen als Aufgabe mit gestellt. Um unsere Freiräume einzuschränken, brauchte es keine Grenzziehungen oder Mauern, ein Virus hat viele selbstverständlich gewordene Errungenschaften wie Freizügigkeit und Reisefreiheit kurzfristig weggewischt. Aus Bürger*innen wurden Einzelwesen mit unterschiedlichem Risikopotenzial und mehr oder weniger Systemrelevanz. Es ist absurd, wie sich die Bedeutung von Freiheit in diesem Kontext wandelt bzw. wie wir kurzfristig freiwillig darauf verzichten lernen mussten. Freiräume zu erhalten bzw. andere Freiräume zu schaffen, ist deswegen ein dringendes unmittelbares Bedürfnis. Kreativität und Zuversicht sind keine schlechten Begleiterinnen im Umgang mit der Unsicherheit. Die Pandemie ist schließlich lediglich ein weiteres Indiz, was wir Menschen inzwischen durch maßlose Selbstüberhöhung mit der Erde angerichtet haben.